Ich spreche heute zu Ihnen im Auftrag der Liberalen jüdischen Gemeinde München, deren Erster Vorsitzender Dr. Jan Mühlstein unserem Friedensgottesdienst einen harmonischen Verlauf und darüber hinaus allen Teilnehmern der heutigen Veranstaltung ein schönes Fest wünscht. Er selbst kann heute wegen eines hohen jüdischen Festes nicht da sein.
Alle jüdischen Gemeinden feiern am heutigen Schabbat das Ende des siebentägigen Laubhüttenfestes, deren Inhalt zum Teil dem christlichen Erntedankfest entspricht. Die Dankbarkeit gegenüber Gott erstreckt sich jedoch nicht nur auf die gute Ernte, sondern erinnert sich auch an den Auszug aus Ägypten unter seiner Führung. Damals mussten die Ausziehenden in Hütten wohnen und daher bauen die Juden der ganzen Welt zu dieser Zeit noch heute ihre Laubhütten. Gemeint sind damit die in jedem Jahr wieder neu errichteten, selbst gebauten Hütten mit mindestens drei festen Wänden und einem Dach aus Blättern und Ästen, durch die man nachts die Sterne sehen kann.
Die Liberalen jüdischen Gemeinden begehen am abschließenden Tag des Laubhüttenfestes - und das orthodoxe Judentum einen Tag später - zusätzlich das Fest Simchat Tora, auf Deutsch "Freude der Tora". Tora bedeutet "Weisung" und damit sind die ersten fünf Bücher der Bibel gemeint. Man feiert Simchat Tora fröhlich in der Synagoge und dankt Gott dafür, dass er den Menschen die Tora geschenkt hat.
Simchat Tora ist ein Fest, das besonders fröhlich gefeiert wird. Die Männer - und bei den liberalen Juden auch die Frauen - ziehen in der Synagoge in einer Prozession sieben Mal mit der Torarolle im Arm umher und es wird sogar mit der Torarolle getanzt.
Die Liberale jüdische Gemeinde München nennt sich Beth Shalom, auf Deutsch "Haus des Friedens". Beth Shalom entstand aus einer Gruppe überwiegend amerikanischer jüdischer Familien, die 1990 in München begonnen haben, für ihre Kinder Religionsunterricht und jüdische Gottesdienste nach liberaler Ausrichtung zu organisieren. Im März 1995 wurde die Gemeinde als eingetragener und gemeinnütziger Verein gegründet. Die Gemeinde hat eine eigene Synagoge, führt die Aufsicht über den Neuen Jüdischen Friedhof im Waldfriedhof München und feiert regelmäßig familienfreundliche Gottesdienste in Hebräisch, Deutsch und zum Teil in Englisch. Frauen und Männer nehmen am Gottesdienst gleichberechtigt teil. Besonders gepflegt wird der Respekt gegenüber anderen Strömungen innerhalb des Judentums sowie gegenüber Menschen, die anderen Religionen oder Ethnien angehören.
In einem Gebet, das Dr. Mühlstein für unseren Gottesdienst zur Verfügung gestellt hat, ist mehrfach vom Zelt, Sukka, die Rede. Da das Laubhütten-Fest das Sukkot-Fest ist, möchte ich den Abschlusssatz dieses Gebets vortragen:
"Du breitest Deinen Frieden wie ein Zelt über uns aus, über Dein Volk Israel und über die ganze Welt."