Es ist reizvoll und aufschlussreich, das Brentano übermittelte Manuskript von 1810
mit den späteren Druckfassungen der Märchen zu vergleichen, denn die Brüder selbst haben
ihre Aufzeichnungen vernichtet. Die hätten nämlich den Eindruck, die Märchen seien durch
heimatkundliche Feldforschung gesammelt worden, selbst als Märchen entlarvt. In Wahrheit
verkehrten die Grimms in Gelehrten- und Adelskreisen und die Gewährsleute ihrer Erzählungen
waren größtenteils literarisch gebildete junge Damen oder wie die alte Viehmännin ihnen
aus dem gehobenen Bürgertum vermittelt worden.
Für das Verständnis der Grimmschen Märchensammlung darf ihre weitere Tätigkeit, die sie
zu Vätern der Germanistik machte, nicht vergessen werden. Ebenso wie bei der Herausgabe
literarischer Denkmäler des Mittelalters glaubten sie in den Märchen verschütteten
germanischen Traditionen auf der Spur zu sein.
Vor allem Wilhelm Grimm hat von Auflage zu Auflage den einfluss- und höchst erfolgreichen
Märchenton entwickelt, der die Erzählforschung geradezu von einer "Gattung Grimm"
sprechen ließ. Dazu gehören formal der Einbau volksläufiger Redewendungen und Metaphern
sowie zum Teil mundartlicher Verse und inhaltlich die Abgrenzung des Märchens von der Sage.
Während in letzterer ein Bruch der Naturgesetze immer auf das Wirken Gottes oder transrealer
Kräfte hinweist, wird um das Wunderbare im Märchen nicht viel Aufsehens gemacht. Tier- und
Menschengestalt sind austauschbar und auch der Umgang mit Alter und Tod ist ein ganz
anderer. Durch Herausnahme heikler Stellen wurde die Sammlung immer mehr dem ersten Teil
ihres Titels gerecht. Dies wurde vom älteren Bruder eher geduldet als gebilligt.
Die Vielzahl der Deutungsversuche des Märchens, zunächst aus philosophischer, religions-,
volks- und völkerkundlicher Sicht, später auch von Seiten der Tiefenpsychologie und
Anthroposophie, ergänzen und relativieren einander und sind sich lediglich in der
ungeteilten Wertschätzung des Märchens einig.
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