Die Goldberg-Variationen BWV 988 markieren
die Schwelle zu Bachs Spätwerk und beinhalten
zugleich den größten und ihrer Substanz nach
gewichtigsten Zyklus in Variationsform in der
Musik vor 1800. Vergleichbare Werke wie die
Diabelli-Variationen von Beethoven entstanden
erst in jüngeren Musikepochen.
Das Werk für Cembalo wurde 1742 in
Nürnberg zum ersten Mal verlegt, und zwar als vierter
und letzter Teil der Klavierübungen.
Die Melodie der Aria, die den Variationen
zugrunde liegt und am Ende wiederholt wird,
findet sich bereits 1725 im zweiten Klavierbüchlein
für Bachs Gattin Anna Magdalena.
Zusätzlich zu seinem Amt als Thomaskantor
unterrichtete Bach die Studenten der Leipziger
Universität, denen er eigene Kompositionen als
Übungsmaterial zur Verfügung stellte. Die Goldberg-
Variationen sind jedoch nicht zunächst als
Clavierübungen zu begreifen und werden wohl
erst nachträglich in dieses Korpus eingegliedert
worden sein.
Über einen anderen Entstehungsanlass
berichtet der erste Bachbiograf Johann
Forkel: Bach besuchte häufig seinen Sohn Wilhelm
Friedemann in Dresden, Organist an der
dortigen Sophienkirche, und lernte durch ihn
den russischen Gesandten am kursächsischen
Hof und Musikkenner Hermann Carl von Keyserlingk
kennen. Dieser vermittelte
ihm den jungen Johann Gottlieb Goldberg
als Klavierschüler.
Denn der Graf kränkelte viel
und hatte dann schlaflose Nächte. Goldberg, der bey
ihm im Hause wohnte, mußte in solchen Zeiten
in einem Nebenzimmer die Nacht zubringen, um
ihm während der Schlaflosigkeit etwas vorzuspielen.
Einst äußerte der Graf gegen Bach,
daß er gern einige Clavierstücke für seinen
Goldberg haben möchte, die so sanften und
etwas muntern Charakters wären, daß er dadurch
in seinen schlaflosen Nächten ein wenig
aufgeheitert werden könnte. Bach glaubte,
diesen Wunsch am besten durch Variationen
erfüllen zu können ...
Dieses in der Musikwissenschaft umstrittene
Motiv lässt sich einem Passus aus dem Titelblatt
zuordnen, in dem es heißt, das Werk sei
Denen Liebhabern zur Gemüths-Ergetzung
verfertigt worden. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen,
dass barocke Titel von einer uns
heute schwülstig erscheinenden Formelhaftigkeit
geprägt sind, die sich auch
an den Ergebenheitsadressen
zeigt.
Andererseits lässt der im Titelblatt
verwendete Begriff
"verschiedene Veränderungen"
die extrem mathematisch durchkonstruierte
Anordnung der genau aufeinander abgestimmten
Variationen kaum erkennen. Für den Komponisten
hat sich die Mühe allemal gelohnt.
Denn Forkel teilt noch mit: Bach ist vielleicht
nie für eine seiner Arbeiten so belohnt worden,
wie für diese. Der Graf machte ihm ein
Geschenk mit einem goldenen Becher, welcher
mit 100 Lousid’or angefüllt war.
Die Interpretin
Elizabeth Hopkins, in Schottland geboren, erhielt
ihre Ausbildung am Londoner Trinity
College of Music, der Münchner Hochschule
für Musik und am Mozarteum in Salzburg.
Seit vielen Jahren tritt sie als
Solopianistin und Kammermusikerin
im In- und Ausland auf. Ein Schwerpunkt
ihrer Arbeit liegt auf den seit
1995 von ihr gestalteten Gesprächskonzerten,
die das Publikum in die Welt der Klassik einführen.
So konzipiert und moderiert sie in der "Blackbox" des Münchner Gasteig die "Meisterwerke
am Mittwoch". Im vergangenen Jahr
stellte die Reihe Beethovens Violinsonaten (mit
Boris Kucharsky) vor. Auch in die Goldberg-
Variationen führt die Interpretin zu Beginn ein.