|
|
Vom Beryll zur Brille
Fotoausstellung über die Erfindung
der Augengläser im Mittelalter |
|
Konzeption, Realisation und Text der Ausstellung: Thomas Schwarz, SWW |
| Vom Beryll zur Brille |
|
Im Jahr 1305 behauptete der Pisaner Dominikanermönch Giordano, Brillen seien vor weniger
als zwanzig Jahren erfunden worden, als "eine
der besten und notwendigsten Künste, über die
die Welt verfügt".Tatsächlich ist davon auszugehen,
dass die Brille am
Ende des 13. Jahrhunderts
in Oberitalien, genauer in
Venedig, dem bedeutenden
Zentrum der Glasherstellung,
entwickelt wurde.
Deren Experten in
Murano verstanden es
besonders gut, weißes
Glas herzustellen und
anschließend zu Augengläsern
zu schleifen. Bereits um 1300 gab es
für diese Handwerker erste Qualitätsnormen.
In einer Chronik des Pisaner Katharinenklosters,
in dem Giordano lebte, ist von einem Bruder
Alessandro della Spina die Rede, der jeden „gern
und bereitwillig in der Art und Weise der Brillenherstellung“
unterwies – im Gegensatz zu einem
ungenannten Fachmann, der sein Geheimnis nicht preisgeben wollte. Klar: Ein freier Unternehmer
musste sein Betriebsgeheimnis wahren,
während ein Mönch durch seinen Konvent
materiell abgesichert war.
|
|
Die optische Entwicklung der Brille war durch
Abhandlungen des arabischen Gelehrten Ibn
al-Haitam (965-1039,
„Schatz der Optik“,
übersetzt um 1240)
und des Engländers
Roger Bacon (1214-
1294) gefördert worden
und verlief, innerhalb
kurzer Zeit,
vom Ein- zum Zweiglas.
Profitieren
konnten zunächst
nur weitsichtige Menschen, denn Brillen gegen
Kurzsichtigkeit erfand erst das 16. Jahrhundert.
Zu Beginn half man sich mit einem so genannten
„Lesestein“: einer halbkugelförmigen, konvexen
Linse mit glatter Grundfläche, die auf das Schriftstück
gelegt wurde. Rohmaterial für diese Lesehilfe
war der Halbedelstein Beryll, dessen Name
in der Bezeichnung „Brille“ noch erkennbar ist.
In Venedig unterscheidet am Ende des 13. Jahrhunderts
eine Verordnung gegen betrügerischen
Glashandel genau zwischen „runden Scheiben
für Augen“ und „Lesesteinen“. Der wesentliche
Fortschritt der Brille gegenüber dem Vergrößerungsglas
besteht darin, dass letzteres lediglich
das Objekt vergrößert, während die Augengläser
die unzureichende Wölbung
der menschlichen
Linse ausgleichen,
also aus einer Objektbeziehung
eine Subjektbeziehung
wird.
Die Suche nach der optimalen mechanischen
Fixierung der Brille nahm dagegen ein halbes
Jahrtausend in Anspruch und wird in den ausgewählten
Exponaten der Ausstellung sichtbar.
Sie brachte so kuriose Erfindungen wie die
„Mützenbrille“ hervor, bei der die Gläser so an
der Kopfbedeckung befestigt wurden, dass sie
vor den Augen herabhingen. Bereits die Prediger
Savonarola und der hl. Bernardin trugen
solche eigens mit Haken versehene Mützen. Die
gewöhnliche heutige Brille ruht zum Teil auf
der Nase und mittels Bügeln auf beiden Ohren.
Brillen galten als wesentlicher Bestandteil der
Kleidung oder, wie Baskerville in Umberto Ecos
Roman „Der Name der Rose“ zu verstehen
gibt, als noch mehr: „Ich habe diese kostbaren
Gläser während der ganzen Zeit so sorgsam
gehütet, als wären sie – was sie inzwischen
tatsächlich geworden sind – ein Teil meines
Körpers.“ Vor diesem Hintergrund verwundert
es nicht, dass Brillen von Heiligen, wie die des
hl. Filippo Neri, als Reliquien verehrt wurden.
Das Intellektuellen-Image, das die Brille seinem
Träger verleiht, ist auf den lange Zeit hohen
Preis zurückzuführen, der den Kreis der Nutzer
weitgehend auf Gelehrte und Künstler eingrenzte.
Man sieht eben besser (aus) mit Brille.
Natürlich wurde die Brille auch zum Gegenstand
des Spottes. „Bonjour lunettes – adieu fillettes“
(„Guten Tag, Brille – lebewohl, Mädchen“) umschreibt
ein französisches Bonmot beginnendes
Alter. „Brillenschlange“ ist keine schmeichelhafte
Bezeichnung für eine Person. Karl Valentin
wollte in einem Sketch lieber ein leeres
Brillengestell tragen als gar keine Brille. Und
Heinz Ehrhardt stellte fest: „Des Menschen
Leben gleicht der Brille – man macht viel durch!"
Literatur: Hans Reetz, Bildnis und Brille, 1957; Chiara
Frugoni, Das Mittelalter auf der Nase. Brillen, Bücher,
Bankgeschäfte u. andere Erfindungen des Mittelalters,
3. A. 2005; www.sov.ch: Gesch. d. Lese- u. Sehhilfen
|
Flyer im PDF-Format
nach oben
zurück |