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Vom Beryll zur Brille

Fotoausstellung über die Erfindung
der Augengläser im Mittelalter

Vom Beryll zur Brille
Im Jahr 1305 behauptete der Pisaner Dominikanermönch Giordano, Brillen seien vor weniger als zwanzig Jahren erfunden worden, als "eine der besten und notwendigsten Künste, über die Weltchronikbrille die Welt verfügt".Tatsächlich ist davon auszugehen, dass die Brille am Ende des 13. Jahrhunderts in Oberitalien, genauer in Venedig, dem bedeutenden Zentrum der Glasherstellung, entwickelt wurde. Deren Experten in Murano verstanden es besonders gut, weißes Glas herzustellen und anschließend zu Augengläsern zu schleifen. Bereits um 1300 gab es für diese Handwerker erste Qualitätsnormen.

In einer Chronik des Pisaner Katharinenklosters, in dem Giordano lebte, ist von einem Bruder Alessandro della Spina die Rede, der jeden „gern und bereitwillig in der Art und Weise der Brillenherstellung“ unterwies – im Gegensatz zu einem ungenannten Fachmann, der sein Geheimnis nicht preisgeben wollte. Klar: Ein freier Unternehmer musste sein Betriebsgeheimnis wahren, während ein Mönch durch seinen Konvent materiell abgesichert war.

Die optische Entwicklung der Brille war durch Abhandlungen des arabischen Gelehrten Ibn Konrad von Soest al-Haitam (965-1039, „Schatz der Optik“, übersetzt um 1240) und des Engländers Roger Bacon (1214- 1294) gefördert worden und verlief, innerhalb kurzer Zeit, vom Ein- zum Zweiglas. Profitieren konnten zunächst nur weitsichtige Menschen, denn Brillen gegen Kurzsichtigkeit erfand erst das 16. Jahrhundert.

Zu Beginn half man sich mit einem so genannten „Lesestein“: einer halbkugelförmigen, konvexen Linse mit glatter Grundfläche, die auf das Schriftstück gelegt wurde. Rohmaterial für diese Lesehilfe war der Halbedelstein Beryll, dessen Name in der Bezeichnung „Brille“ noch erkennbar ist.

In Venedig unterscheidet am Ende des 13. Jahrhunderts eine Verordnung gegen betrügerischen Glashandel genau zwischen „runden Scheiben für Augen“ und „Lesesteinen“. Der wesentliche Fortschritt der Brille gegenüber dem Vergrößerungsglas besteht darin, dass letzteres lediglich das Objekt vergrößert, während die Augengläser die unzureichende Wölbung Lesestein der menschlichen Linse ausgleichen, also aus einer Objektbeziehung eine Subjektbeziehung wird.
Die Suche nach der optimalen mechanischen Fixierung der Brille nahm dagegen ein halbes Jahrtausend in Anspruch und wird in den ausgewählten Exponaten der Ausstellung sichtbar.

Sie brachte so kuriose Erfindungen wie die „Mützenbrille“ hervor, bei der die Gläser so an der Kopfbedeckung befestigt wurden, dass sie vor den Augen herabhingen. Bereits die Prediger Savonarola und der hl. Bernardin trugen solche eigens mit Haken versehene Mützen. Die gewöhnliche heutige Brille ruht zum Teil auf der Nase und mittels Bügeln auf beiden Ohren.

Brillen galten als wesentlicher Bestandteil der Kleidung oder, wie Baskerville in Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ zu verstehen gibt, als noch mehr: „Ich habe diese kostbaren Gläser während der ganzen Zeit so sorgsam gehütet, als wären sie – was sie inzwischen tatsächlich geworden sind – ein Teil meines Körpers.“ Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass Brillen von Heiligen, wie die des hl. Filippo Neri, als Reliquien verehrt wurden.

Das Intellektuellen-Image, das die Brille seinem Träger verleiht, ist auf den lange Zeit hohen Preis zurückzuführen, der den Kreis der Nutzer weitgehend auf Gelehrte und Künstler eingrenzte. Man sieht eben besser (aus) mit Brille.

Natürlich wurde die Brille auch zum Gegenstand des Spottes. „Bonjour lunettes – adieu fillettes“ („Guten Tag, Brille – lebewohl, Mädchen“) umschreibt ein französisches Bonmot beginnendes Alter. „Brillenschlange“ ist keine schmeichelhafte Bezeichnung für eine Person. Karl Valentin wollte in einem Sketch lieber ein leeres Brillengestell tragen als gar keine Brille. Und Heinz Ehrhardt stellte fest: „Des Menschen Leben gleicht der Brille – man macht viel durch!"

Literatur: Hans Reetz, Bildnis und Brille, 1957; Chiara Frugoni, Das Mittelalter auf der Nase. Brillen, Bücher, Bankgeschäfte u. andere Erfindungen des Mittelalters, 3. A. 2005; www.sov.ch: Gesch. d. Lese- u. Sehhilfen

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