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7. Dez. 2006

Beethoven-Sonaten

Konzerte mit Erläuterungen
mit Elizabeth Hopkins und Boris Kucharsky


CD-Cover-hinten_4c_web_kl - Zum Vergrößern klicken! Es gibt Menschen, die behaupten, Kunst könne nur der Kenner angemessen würdigen. Solche Experten möchten am liebsten unter sich bleiben und nehmen andere, denen ein Werk einfach nur „gefällt“ oder auf andere Weise anspricht, ohne dass sie genau sagen könnten, warum?, nicht ernst. Sicher wird sich ein Kunstwerk nie vollkommen erklären lassen. Dies gilt nicht nur für Kunst, deren Zeitgenossen wir sind, sondern bei früheren Werken auch für deren historische Bedingungen, unter denen sie entstanden sind: Bestimmte Eigenheiten erhalten zu unterschiedlichen Zeiten eine andere Relevanz und auch der Zufall materieller Überlieferung hat Folgen.

Der Pianistin Elizabeth Hopkins ist es ein persönliches Anliegen, das gemeinsam mit ihrem Violin-Partner Boris Kucharsky erarbeitete Repertoire dem Publikum der von ihr konzipierten Konzerte mit Erläuterungen nahe zu bringen. In einem ersten Durchgang greift sie einzelne Aspekte des Musikstücks heraus und stellt sie in einen erhellenden Kontext, bevor der Zuhörer anschließend die gesamte Komposition auf sich wirken lässt. In diesem Jahr wurden Beethovens gesamte Violinsonaten in der SWW vorgestellt. - Frau Hopkins erhielt ihre Ausbildung am Londoner Trinity College of Music, der Münchener Hochschule für Musik und am Salzburger Mozarteum. Als Solopianistin und Kammermusikerin tritt sie im In- und Ausland auf.

Boris Kucharsky, 1971 in Dortmund geboren, besuchte ab 1984 die Londoner Yehudi-Menuhin- Schule. Der Geigenvirtuose vereinte dort junge Musiker aus aller Welt mit dem Ziel der Völkerverständigung. Weitere Studien führten ihn an die Musikhochschule Köln und die Yale-Universität. Er konzertiert in Europa und den USA.


Satzfolgen an diesem Abend



Sonate op. 12 Nr. 1,
1. Satz, Allegro con brio
Sonate op. 24 („Frühlings-Sonate“),
1. Satz, Allegro
Sonate op. 30 Nr. 1,
2. Satz, Adagio molto espressivo
Sonate op. 47 („Kreutzer-Sonate“),
1. Satz, Adagio sostenuto – Presto


Laudatio von Dr. Claudia Trübsbach

Meine verehrten Damen und Herren, liebe Bewohnerinnen und Bewohner der SWW, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses, verehrte Gäste,

denken Sie sich das Jahr 1778. Es ist Winter. Der 22-jährige Mozart befindet sich in Paris. Er sucht nach Möglichkeiten des Konzertierens und nach einer festen Anstellung und wird zum Vorspielen zum Herzog von Chabot gebeten. Der lässt ihn jedoch warten, Mozart ist, wie er später seinem Vater schreibt, "kalt an Händen und Füßen", er bekommt Kopfschmerzen. Wir können diesen Zustand nachempfinden. Nicht die beste Situation, um sein Können zu präsentieren.

Laudatio von Dr. Claudia Trübsbach - Zum Vergrößern klicken! Aber dann - ich zitiere weiter "kam der Herzog, setzte sich zu mir, und hörte mir mit aller Aufmerksamkeit zu, und ich - ich vergaß darüber alle Kälte, Kopfwehe und spielte ungeachtet der (elenden) Leiden Klavier so - wie ich spiel, wenn ich gut in Laune bin. Geben sie mir das beste Clavier von Europa, und aber Leut zu Zuhörer, die nichts verstehen, oder die nichts verstehen wollen, und die mit mir nicht empfinden, was ich spiele, so werde ich alle Freude verlieren..."

Warum stelle ich dieses Mozart-Zitat an den Anfang meiner kleinen Laudatio?

Als vor nun vier Jahren Herr Lohner, der Geschäftsführer der SWW, an diesem Ort seinen Kulturfonds vorstellte und dabei auch den neu erworbenen bzw. damals noch zu erwerbenden Steinway-Flügel, kam ich beim anschließenden Empfang mit zwei jungen Musikern ins Gespräch, die mir berichteten, dass bei einem Konzert, das sie hier gegeben hatten, eine taubstumme Blinde das Klavier angefasst habe, um über die Schwingungen die Musik zu begreifen. Das habe sie zutiefst beeindruckt, und überhaupt hätten sie bei den blinden Zuhörern eine besondere Intensität des Hörens gespürt. Deshalb hätten sie hier besonders gern konzertiert.

Es stimmt ja: Was kann sich ein Musiker Schöneres wünschen als ein Publikum, das so intensiv mitempfindet, was man spielt. Mozart war das mehr wert als das beste Klavier von Europa. Und er war bestimmt anspruchsvoll, was seine Instrumente betraf.

Wir wissen ja auch, dass der frühere Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, Sergiu Celibidache, jegliche Plattenaufnahmen ablehnte, weil sich für ihn die Musik erst voll in der Wechselwirkung mit den Zuhörern erschloss.

Unter diesem Aspekt fiel es mir leicht, kurz darauf nach einem ihrer Klavierabende im Gasteig die Pianistin Elizabeth Hopkins zu fragen, ob sie sich vorstellen könne, wenn auch nicht zu der üblichen Gage, einmal in den Südbayerischen Wohn- und Werkstätten zu spielen.

(Herr Lohner hatte mich gebeten, ob ich ihm behilflich sein könne, Künstler für sein neues Kulturprojekt zu gewinnen und ich wollte ihn gern unterstützen. Denn schon bei meinem ersten Besuch in der SWW war ich tief beeindruckt nicht nur von seinem zupackenden Optimismus, sondern vor allem auch von der freundlich-heiteren Atmosphäre im Haus und in den Werkstätten, von dem liebevollen Umgang der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und der positiven Ausstrahlung der Bewohnerinnen und Bewohner, obwohl sie doch mit den schwersten Beeinträchtigungen zu kämpfen haben.)

Warum dachte ich sofort an Frau Hopkins? Und es gibt - denke ich - noch weitere Fragen zu klären: Warum kommt es gerade hier - an einem für diesen Zweck doch eher unüblichen Ort - zur Präsentation einer neuen Klassik- CD? Warum gerade die Beethoven-Sonaten? Warum mit Elizabeth Hopkins und Boris Kucharsky? Und warum wurde gerade ich gebeten, anlässlich dieser Präsentation ein paar Worte zu sagen?

Lassen Sie mich zur Beantwortung dieser Fragen ein klein wenig zurückgreifen.

Als ich - vor nun mehr als zwanzig Jahren - als Leiterin der damals neuen Kulturabteilung an die Münchner Volkshochschule in das ebenfalls neu eröffnete Gasteig-Kulturzentrum kam, hatte ich mir zum Ziel gesetzt, auch für Menschen, denen dies nicht so geläufig ist, den Zugang zur Kunst zu ermöglichen und die Liebe dazu auf vielerlei Weise zu entwickeln oder zu intensivieren. Deshalb wollte ich im Konzertbereich mehr vermitteln, als es üblicherweise bei Konzertveranstaltern der Fall ist. Die Konzerte und Konzertreihen sollten unter einer bestimmten Thematik stehen und vorher oder zwischen den Musikstücken sollte es entsprechende Erläuterungen geben. Und so führte ich im "MusikPodium im Gasteig" die "Gesprächskonzerte" ein, und ich merkte, dass das Publikum diese damals unübliche Konzertform ausgesprochen schätzte.

Etwa zu derselben Zeit ging Elizabeth Hopkins unabhängig davon gleiche Wege. Sie hatte ebenfalls aus dem Bedürfnis heraus, ihre Zuhörer besser mit der Musik vertraut zu machen, die sie spielte, ihre Form des Gesprächskonzerts entwickelt - ein Glücksfall, dass wir später aufeinander trafen.

Unser erstes gemeinsames Unternehmen fand im Bachjahr 2000 statt. Frau Hopkins schlug eine ganzjährige Reihe von Bach-Konzerten vor. Ich zweifelte, ob wir gegen die unzähligen übrigen Bach-Veranstaltungen in München würden bestehen können. Ein unberechtigter Zweifel, wie sich bald herausstellen sollte. Die Konzerte im Kleinen Konzertsaal waren schnell ausverkauft und es bildete sich ein "harter Kern" von Besuchern, die wirklich keine der Veranstaltungen versäumen wollten. Ich konnte das verstehen, denn ich war ebenso begeistert wie das Publikum.

Was machte die Besonderheit dieser Konzerte aus? Sie selbst - zumindest einige von Ihnen - haben es ja mehrfach in Konzerten hier oder andernorts erfahren:

Ganz abgesehen von ihrem klug strukturierten, differenzierten Klavierspiel ist es die Einfachheit ihrer Worte, die Eindringlichkeit, mit der Elizabeth Hopkins sie vorträgt, die Beschränkung auf Wesentliches (man hat das Gefühl, es ist nicht ein Wort zuviel gesagt), ihre eigene Begeisterung und Liebe zur Musik, die sie auf ihre Zuhörer überträgt und - nicht zuletzt - ihr Charme, mit dem sie dies alles tut.

Der Erfolg im Gasteig führte hier zu einer weiteren Reihe: "Meisterwerke am Mittwoch". Konzerte, in denen Elizabeth Hopkins musikalische Meisterwerke präsentierte und dabei in verschiedensten Besetzungen junge Musiker einbezog. Bis sie mir eines Tages begeistert von einem herausragenden jungen Geiger erzählte, den sie kennengelernt habe und mit dem sie wahnsinnig gern zusammenspiele.

Sie ahnen schon: Es war Boris Kucharsky. Ein zweiter Glücksfall.

Das Zusammentreffen der in München lebenden schottischen Pianistin und des 1971 in Dortmund geborenen Musikersohns russischer, slowakischer, deutscher und jüdischer Abstammung, deren Vita eigentlich nichts verbindet, außer dass beide einen Teil ihrer Ausbildung in London erhielten.

Hopkins hatte ihr Londoner Studium mit Auszeichnung abgeschlossen und daraufhin ein Stipendium erhalten, um in München und Salzburg ihre Ausbildung zu vervollständigen. Heute tritt sie solistisch und kammermusikalisch im In- und Ausland auf.

Kucharsky war als Dreizehnjähriger in die berühmte Menuhin-Schule in der Nähe von London aufgenommen worden. Yehudi Menuhin wurde ihm dort zum Lehrer, Vorbild und Mentor, unter seiner Leitung durfte er mit dem Beethoven- Violinkonzert sein Solistendebut in Deutschland geben und von ihm erhielt er folgende Beurteilung: "Er ist ein bewundernswerter Geiger, ein feinfühliger Musiker und zutiefst berührend anzuhören. Unfehlbarer Geschmack sowie tiefes Empfinden kennzeichnen sein Spiel." Ein schöneres Lob von einem der bedeutendsten Musiker des 20. Jahrhunderts ist wohl kaum denkbar. Dass Kucharsky sich weitere Anregungen bei den großen Violinpädagogen Igor Ozim in Köln und Erick Friedmann an der Yale University holte und heute vielerorts in den USA und Europa konzertiert, möchte man nur noch beiläufig erwähnen.

Also kam es im Gasteig zusammen mit Boris Kucharsky an vier Abenden zur erfolgreichen Aufführung aller 10 Beethoven-Sonaten.

Und so gelangen wir auch wieder zu den SWW. Natürlich hatte Frau Hopkins damals sofort zugesagt, hier aufzutreten, und so entstand auch am Roßtalerweg zwischen Herrn Lohner und der Pianistin eine fruchtbare Zusammenarbeit, die in Klavierabenden, Duoabenden und schließlich auch hier in vier Konzerten mit der Gesamtdarstellung der Beethoven- Sonaten für Klavier und Violine gipfelte.

Man muss wirklich sagen: gipfelte. Denn die hervorragende Aufführung dieser Sonaten war es wohl auch, die Herrn Lohner fragen ließ, ob man sie nicht auf CD aufnehmen könne und damit für die Hörer, die die Konzerte erlebt hatten - vor allem natürlich die Bewohner der SWW - wieder zugänglich zu machen. Seine Zusage, dies unterstützen zu wollen, war wohl der dritte Glücksfall und letztendlich der Auslöser für die nun tatsächlich realisierte CD, die heute in zwei Teilen erstmals vorgestellt wird.

Eine Kette also von zufälligen Verbindungen und glücklichen Begegnungen, die nun zu diesem Resultat führten.

Jeder Musiker zögert heutzutage, eine CD von weltbekannten Meisterwerken herauszubringen, die doch längst von den bedeutendsten Musikern auf dem Markt zu haben sind, wie in diesem Fall von David Oistrach und Lev Oborin oder Yehudi Menuhin und Wilhelm Kempff oder in der Nachfolgegeneration von Itzak Perlman und Vladimir Ashkenazy oder Pinchas Zukerman und Daniel Barenboim am Klavier.

Vielleicht hätten auch Elizabeth Hopkins und Boris Kucharsky dieses Projekt nicht gestartet, wenn - ja wenn nicht doch etwas grundlegend Anderes auf diesen CDs zu hören wäre. Das sind auf der einen Platte die sorgsam ausgewählten, historisch und musikalisch informativen Erläuterungen, die von beiden Künstlern abwechselnd gesprochen und durch jeweilige musikalische Beispiele an Geige und Klavier verdeutlicht werden. Das gibt es bisher nicht und ist einmalig. Und, da Frau Hopkins ja Engländerin ist, kann man es auch auf Englisch anhören.

Dass darüber hinaus die zweite Platte, der rein musikalische Vortrag der ersten drei Sonaten op. 12, trotz der genannten Vorbehalte, seine Berechtigung hat, im Handel zu erscheinen, wird sehr schnell klar, wenn man sich die Aufnahme anhört.

In seinen Lebenserinnerungen, ("Unvollendete Reise") berichtete Yehudi Menuhin über den ersten öffentlichen Sonatenabend im Pariser Salle Pleyel, bei dem er mit seiner 13-jährigen, ihm sehr vertrauten Schwester u. a. auch Beethovens "Kreutzer-Sonate" vortrug: "Wir spielten Sonaten, gleichwertige Stimmen im Dialog miteinander. Und da wir uns nicht anzustrengen brauchten, um unsere Persönlichkeiten aufeinander einzustellen, spielten wir sie in ganz natürlicher Übereinstimmung."

Um diese ganz natürliche Übereinstimmung scheint es sich auch bei Hopkins und Kucharsky zu handeln.

Fast symbiotisch spielen sich die zwei doch eigentlich ganz andersartigen Instrumente die Themen zu. Wenn z. B. das herauflaufende und herabperlende Motiv im Allegro der ersten Sonate von Geige und Klavier wechselweise gespielt wird, könnte man fast meinen, es handele sich um dasselbe Instrument.

Differenziertes Aufeinandereingehen wird deutlich, wenn das hingehauchte pp der Geige in der absolut gleichen Dynamik, dem zartesten pp, vom Klavier übernommen wird oder wenn - wie in einem Zwiegespräch - wechselweise einer der Partner hervortritt, während der andere sich zurücknimmt und umgekehrt.

Ist der starke, satte Geigenton musikalisch sinnvoll, wird er eingesetzt, an anderer Stelle ist er zurückhaltend und subtil. Nie geht es den Musikern darum, sich solistisch zu präsentieren. Die musikalische Struktur ist klar herausgearbeitet, und man merkt, dass jede Note ihre Bedeutung in der Gesamtheit des Stückes hat. Und das ist ja gerade bei Beethoven besonders wichtig.

Anders als Mozart, dem beim Komponieren alles unglaublich leicht aus der Hand floss, weil er die Komposition bereits fertig im Kopf hatte, hat Beethoven um jede Note gerungen. Wenn sie aber notiert war, dann stand sie auch unverbrüchlich fest.

Als Freunde nach der ersten Aufführung des "Fidelio" Beethoven überzeugen wollten, dass er die Oper doch kürzen möge, reagierte er äußerst ungehalten: "Nicht eine Note", schrie er, "nicht eine Note streiche ich!"

Der Dirigent und Komponist Leonard Bernstein meinte (in seinen Fernsehsendungen "Von der unendlichen Vielfalt in der Musik"): "Beethoven war nicht imstande, eine nebensächliche Bemerkung zu machen (...). Mit den einfachsten Noten, die in den Händen anderer Komponisten erfreuend, rührend oder stark sein mögen, bringt Beethoven es fertig, etwas Bedeutendes, Bemerkenswertes zu sagen."

Mit jedem Takt spürt man bei Hopkins und Kucharsky, dass sie dieses Bedeutende hervorholen, dass sie im tiefsten Sinn Musik machen, dass sie nur eine Absicht verfolgen: die Noten, wie Beethoven sie vorgegeben hat, mit dem Leben zu füllen, das in ihnen steckt.

Eine, wie Sie merken werden, hervorragende CD, zu der ich Sie, liebe Frau Hopkins, lieber Herr Kucharsky, von Herzen beglückwünsche. Es wäre schön, wenn die übrigen Sonaten in dieser Form folgen könnten! Ich wünsche Ihnen beiden damit großen Erfolg! Ihnen, verehrte Damen und Herren, viel Freude beim Anhören und - Dank fürs Zuhören.


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