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28. November 2006

Literarischer Abend

"Mensch & Schöpfung"


Mensch & Schöpfung
Die Schöpfung
Gott erschafft die Welt
Ist der Mensch, das sich von Flora und Fauna unterscheidende denkende Wesen, lediglich ein Geschöpf oder selbst die entscheidende schöpferische Kraft? Wobei die Vielzahl der Menschen eine Schöpferrolle des Einzelnen rasch relativieren würde. Diese Frage hat in einer Welt, in der alles oder doch vieles machbar und möglich erscheint, nichts von ihrer Aktualität verloren.

Dass eine solche Frage nach dem Stellenwert und den Entfaltungsmöglichkeiten der Gattung Mensch überhaupt
ernsthaft gestellt werden kann, spiegelt eine wohl keineswegs linear verlaufende Entwicklung wider, die eine fast "kindliche" Verehrung der Gottheit, ein an Hybris grenzendes Aufbegehren und einen ethisch vertretbaren Standpunkt enthält, der die Verantwortlichkeit des Menschen für die ganze Schöpfung erkennen muss, einschließlich den Teil, den die Menschheit selbst darin einnimmt.

Cornelia Schweitzer hat für diesen literarischen Abend, den die Geigerin Kaoru Yamamoto musikalisch mit Sonaten von Johann Sebastian Bach begleitet, Werke der Weltliteratur (mit zum Teil religiösem Kontext) ausgewählt, die zum Nachdenken über das skizzierte Thema anregen möchten.

Während sich alttestamentlicher Psalm und der Hymnus des Ordensreformators im Lob des Schöpfergottes einig sind, ist das Goethegedicht aus seiner Sturm-und-Drang-Phase ein geradezu provozierender Text, der mit Hilfe griechischer Mythologie vieles Heutige vorwegnimmt.

Der Dichterfürst findet jedoch bald versöhnlichere Töne, die im Kantschen Sinn die "Bedingungen der Möglichkeit" für den ethisch handelnden Menschen reflektieren. - Rilkes anrührende Erzählung darf in der Tradition der Worte Jesu über die Kinder verstanden werden; seine Gedichtverse enden in Fragen, die weit über diesen Abend hinaus Bestand haben werden.

Programm

Einführende Worte von Thomas Schwarz

Thomas Schwarz"Der Status des Menschen ist prekär geworden". So beschrieb neulich Alexander Kissler in der Süddeutschen Zeitung neue Biotechniken, die darauf hinauslaufen, Mensch und Tier zu fusionieren, und dies alles im Namen des Fortschritts.

In diesem Zusammenhang stellt der Duisburger Historiker Paul Münch fest: Wir leben in einer "anthropologischen Wendezeit", einer Zeit, in der dem Menschen zunehmend das Gespür verlorengeht für das, was ihn auszeichnet, für das also, was den Menschen zum Menschen macht.

Dieses Thema, ein aktuelles, jedoch keineswegs neues, hat die Auswahl der Lesestücke bestimmt, die Cornelia Schweitzer heute für uns herausgesucht hat und vortragen wird. Es geht um "Mensch und Schöpfung" oder neutraler um das Verhältnis von Mensch und seiner nicht menschlichen Umwelt.

Es erscheint mir charakteristisch und bezeichnend, dass solche Überlegungen in der Vergangenheit immer auch eine übergeordnete Größe als Gegenüber einbezogen haben. Solche relativierenden Größen werden heute schmerzlich vermisst bzw. man hat sich auf solche noch nicht verständigen können.

Beginnen wir mit dem ersten Text, Psalm 104, dem Lob des Schöpfergottes. Man ist ja immer wieder erstaunt, auf wie viele bekannte Redewendungen und Sprichwörter man in der Bibel stößt.

Beispiele aus diesem Psalm: die "Vögel des Himmels", die "Zedern des Libanon", "Alle Augen warten auf dich, o Herr, du gibst ihnen die Speise zur rechten Zeit" (ein bekanntes Tischgebet), "Der Wein erfreut des Menschen Herz" - dieser Erkenntnis werden wir im Anschluss an die Lesung Geltung verschaffen!

Vieles erscheint einem vertraut und macht plausibel, dass Bertolt Brecht auf die Frage nach dem wichtigsten Buch, das ihn beeinflusst habe, geantwortet hat: "Sie werden lachen: die Bibel."

In Psalm 104 erscheint Gott als eine Art Waidmann auf dem Hochsitz inmitten eines prächtigen, von ihm geschaffenen kosmischen Reviers. Hier ist den Elementen Wasser, Erde, Luft und Feuer und jedem Lebewesen sein Platz zugewiesen. Der Psalm rekapituliert in gewisser Weise noch einmal den Schöpfungsbericht, in dem der Mensch erst ganz am Ende erscheint. Das sollte uns zu denken geben!

"Wie zahlreich sind deine Werke, Herr!" Dieser Vers leitet über zum zweiten Text, der die Pracht dieser Werke preist. Im "Sonnengesang", den Franz von Assisi in seinen letzten Lebensjahren schuf, werden alle Elemente und Lebewesen, ja sogar der Tod, ganz familiär als Brüder und Schwestern angesprochen.

Es ist ja bekannt, dass der heilige Franz ein ganz persönliches Verhältnis zur Schöpfung entwickelt hat und damit der franziskanischen Geistigkeit die Richtung wies. Gemeinschaftliches Lob und Dank, von dem im Text die Rede ist, regelt ja auch den Alltag im Kloster.

Das Gedicht "Prometheus" des jungen Goethe (entstanden vor 1774) ist ein wahrer Paukenschlag. Im schroffesten Ton verspottet der antike Held und Menschenbildner Gott bzw. Götter. Sie erscheinen als armselige Gestalten, die sich kümmerlich von den Opfergaben Unaufgeklärter nähren müssen: Genannt werden Kinder, Bettler und Toren, also Menschen, denen es an Alter, Besitz oder Verstand gebricht.

Von "oben" ist also keine Hilfe zu erwarten, "selbst ist der Mensch". Zeit und Schicksal sind die gestaltenden Mächte für Menschen und Götter (in der antiken Mythologie gehen ja auch die Götter zugrunde). Prometheus schafft Menschen nach seinem Bilde, ganz wie der biblische Schöpfer. Ich erinnere an die Eingangsüberlegungen. Ganz anders Goethes Gedicht von 1780, dessen Aussage bereits im Titel die "Grenzen der Menschheit" bekräftigt. "Sturm und Drang" sind vorbei, keine Spur mehr von Hybris und Maßlosigkeit. Der Mensch erscheint als winziges Wesen, selbst im Vergleich zu Eiche und Rebe, ja als ein hilfloses Spiel der Wellen.

Goethes Gedicht "Eins und alles" (1821) stimmt optimistischer. Ganz im Sinne der Faustdichtung (Teil 2) löst sich alles, Schöpfer und Schöpfung, auf in höhere Sphären. Durch den Kosmos schwingen Weltgeist und Weltseele und es herrscht ständige Metamorphose. "Das Ewige regt sich fort in allen", Schöpfer und Geschöpf werden letztlich "eins und alles".

In einem solchen brodelnden Laboratorium ist es gut, eine Gebrauchsanweisung zur Hand zu haben, und die liefert Goethe im Gedicht "Das Göttliche" (1783). Es beginnt mit dem kategorischen Imperativ: "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut". Als Wesen des Menschen wird seine Fähigkeit erkannt, moralisch oder auch unmoralisch zu handeln.

Die Natur bleibt scheinbar ungerührt, die Sonne scheint über Böse und Gute (nach Matthäus 5, 45; dort fällt auch der Regen über Gerechte und Ungerechte). Die verehrten Götter werden als gute Menschen im vergrößerten Maßstab gesehen. Ihnen soll der Mensch nacheifern, auf diese Weise wächst er über sich hinaus, siehe "Eins und alles". Der "Olympier" Goethe ist im Begriff, sich auf den Thron des Zeus niederzulassen.

Diese hohe Warte verlassen wir mit Rilkes "Geschichten vom lieben Gott" aus dem Jahr 1904. In der Kinderlogik gibt es viele Probleme und Vernunftgrenzen der Erwachsenenwelt nicht. Aus diesem Grund scheinen den Kindern dieser Erzählung die Großen überhaupt immer dümmer zu werden, ein regelrechter Verfall, der sich nicht aufhalten lässt.

Man denkt bei der geschilderten kindlichen Unbefangenheit unwillkürlich an die Worte Jesu, dass den Kindern das Himmelreich gehöre (Markus 10, 14). Die jugendliche Vorstellungskraft kann selbst in einem Fingerhut den "lieben Gott" sehen und es erweist sich, dass diese Annahme gar nicht so falsch ist.

Rilkes Schlussgedicht, "Nachthimmel und Sternenfall" (1924) erkennt im nächtlichen Himmel "ein Übermaß von Welt", dessen Größe durch die fallende Sternschnuppe noch gewaltiger erscheint. Der fällige Wunsch betrifft Antworten auf Fragen, die über diesen Abend weit hinausweisen.


Johann Sebastian Bach Johann Sebastian Bach (1685 – 1750):
Solosonate Nr. 1 g-moll, 1. Satz, Adagio


Psalm 104: Ein Loblied auf den Schöpfer

Franz von Assisi (1181 oder 1182 – 1226):
Aus dem "Sonnengesang"

Bach:
Solosonate Nr. 1 g-moll, 2. Satz, Fuge


Johann Wolfgang von Goethe Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832):
- Prometheus
- Grenzen der Menschheit

Bach:
Solosonate C-Dur, 1. Satz, Adagio


Goethe:
- Eins und alles
- Das Göttliche

Bach:
Solosonate C-Dur, 4. Satz, Allegro assai


Rainer Maria Rilke (1875 – 1926):
- Wie der Fingerhut dazu kam, der liebe Gott zu sein
   (aus: "Geschichten vom lieben Gott")
- Nachthimmel und Sternenfall

Die Künstlerinnen
Cornelia SchweitzerCornelia Schweitzer, 1956 in München geboren, Sprecherziehungs-Studium und zusätzliche Schauspielausbildung. Engagements an verschiedenen deutschen Theaterbühnen. Lehrtätigkeit u. a. an der Folkwang Hochschule in Essen. Schauspiel, Oper und Musical sowie Bühne, Kamera und Mikrofon sind der Dozentin für Medienpraxis gleichermaßen vertraut.

Kaoru Yamamoto Kaoru Yamamoto aus Toyama (Japan) begann im Alter von fünf Jahren mit dem Geigenunterricht. Ihr Hochschulstudium führte sie von Tokio nach München und Freiburg. Vielfach bei Wettbewerben erfolgreich, ist die Dozentin für Meisterkurse international gefragt. Als Solistin und Kammermusikerin tritt sie regelmäßig in renommierten Konzertsälen der Welt und im Fernsehen auf.


Fotos: Thomas Schwarz 
Fotos vom Event
Thomas Schwarz Literarischer Abend Foto 2 Literarischer Abend Foto 3
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