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12. Juli 2007

5 Jahre „WERKSTATT KULTUR“

Im Juni 2002 feierte die SWW ihr zehnjähriges Bestehen und gründete aus diesem Anlass einen Kulturfonds, der seit nunmehr fünf Jahren unsere monatlichen Kulturveranstaltungen ermöglicht.

Das Konzept unserer WERKSTATT KULTUR geht von der Überlegung aus, dass es für unsere Bewohner wesentlich leichter ist, Kulturereignisse in gewohnter Umgebung zu genießen. Darüber hinaus wächst ihnen eine Rolle als Gastgeber zu. Dieser Grundgedanke des Gebens und Nehmens steht bereits im Gründungsstatut des Kulturfonds.

In der Regel einmal im Monat treffen seit fünf Jahren behinderte und nicht behinderte Menschen in lockerer Atmosphäre zusammen, um sich von Darbietungen aus dem weiten Bereich klassischer bis Folk-/Volksmusik, Literatur, Theater, Musical und Kleinkunst begeistern zu lassen.

Den Künstlerinnen und Künstlern, die für eine geringe Gage bereit sind, bei uns aufzutreten, danken wir für die erlebnisreichen Abende, unserem Stammpublikum und immer wieder neuen Gästen für ihren Zuspruch. Dies macht es uns möglich, dem Grundsatz der Integration und der Inklusion mit unseren Events gerecht zu werden.

Mitwirkende Künstler an dieser Gala

Abraxas Musical Akademie
Seit 2004 hat sich die schöne Tradition herausgebildet, dass die Abschlussklasse der Abraxas Musical Akademie vor ihren Prüfungen im Januar unter der Leitung von Fredericka Silvey Johns einen Abend bei uns gestalten. Für die Mitwirkenden selbst ist es so etwas wie eine Generalprobe vor dem Abschluss und ersten Engagements.

Plakat Josefa Halbinger


Roland Astor und Claus Obalski lasen bei uns bereits aus den Letzten Tagen der Menschheit von Karl Kraus. Im Jubiläumsjahr wirk(t)en die beiden Schauspieler mit beim Starkbierfest bzw. der Mendelssohn-Bartholdy-Soiree. Die Erinnerungen der Münchnerin Josefa Halbinger, die sie an diesem Abend vorstellen, erhielten den Tukan-Preis der Stadt München.


Unsere Theatergruppe Die Blindgänger gibt einen Einblick in ihr neues, inzwischen drittes Stück Über den Wolken, frei nach Bert Brecht, das am 13. Juli im Gasteig Premiere hat.

Sepp Eibl und Freunde

Sepp Eibl und Freunde traten schon auf unserem immer im Herbst stattfindenden Boarischen Hoagascht auf. Durch Dokumentationen im Fernsehen, Unterricht in eigener Schule, in Forschung und Praxis haben sie sich um die bayerische Volksmusik verdient gemacht.



Gitanes Blondes Mario Koruniç (links) ist seit Beginn unserer Veranstaltungen dabei, als Mitglied des Wanderer-Quartetts mit klassischem Repertoire oder wie auch an diesem Abend als „Teufelsgeiger“ der Gitanes Blondes, deren dritte CD Journey 2006 in unserem Casino produziert wurde.


Beate Himmelstoß
Beate Himmelstoß präsentierte bei uns Galgenlieder von Christian Morgenstern sowie auf dem letzten Hoagascht Georg Queri und Felix Hoerburger. Die Sprecherin des Bayerischen Rundfunks liest an diesem Abend Heinrich Heine und greift auch zur Gitarre.


Elizabeth Hopkins und Boris Kucharsky
Elizabeth Hopkins und Boris Kucharsky haben durch ihre Gesprächskonzerte ein anspruchsvolles Publikum gewonnen, das auch an den Feinheiten der Partitur interessiert ist. Im vergangenen Jahr widmeten sie sich Beethovens Sonaten für Klavier und Violine und stellten in unserem Haus eine erste aus diesen Abenden hervorgegangene CD vor.





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Dr. Claudia Trübsbach:
Festansprache zum 5-Jahres-Jubiläum der „Werkstatt Kultur“

Meine verehrten Damen und Herren, liebe Bewohnerinnen und Bewohner der SWW, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses, verehrte Freunde und Förderer der SWW, liebe Künstlerinnen und Künstler, verehrte Gäste,

wir alle haben die schöne Einladung „Festliche Gala zum 5-Jahres-Jubiläum der Werkstatt Kultur“ erhalten und uns darüber gefreut. Jubiläum - das heißt man jubiliert und freut sich, weil etwas über einen bestimmten Zeitraum Bestand hatte. Das kann sich auf die Existenz einer Firma beziehen, auf das Bestehen einer Ehe, ein Festival meinen oder eine Einrichtung, wie z. B. die „Werkstatt Kultur“.

Nun ist die 5 bei einem Jubiläum wohl die kleinste zu feiernde Einheit. Eine Gala dagegen bezeichnet etwas besonders Großartiges, aus dem Rahmen Fallendes, Glamouröses. Ist diese Bezeichnung etwas zu hoch gegriffen anlässlich eines doch kleinen Jubiläums? Auf den ersten Blick könnte man das meinen. Beim zweiten Betrachten sieht es jedoch anders aus.

Gehen wir etwas zurück. Wie kamen die Werkstatt Kultur und der Kulturfonds überhaupt zustande? Wie bei allen Initiativen vollzieht sich der Prozess in drei Schritten:

  • Als erstes muss eine Idee da sein, die einfach und überzeugend ist.
  • Zweitens folgt das Umsetzen der Idee: die aufwändigste Phase
  • und drittens geht es um die Fortführung, was ein ständiges Infragestellen und Weiterentwickeln verlangt, um die Sache am Leben zu halten.
Dass Herr Lohner gerade mich aus dem Kreis der Freunde herausgefischt hat, um ein paar Worte zum heutigen Jubiläum zu sagen, liegt wohl daran, dass ich diese Schritte weitgehend verfolgt und teilweise begleitet habe. Am Anfang stand die gute Idee. Es ging darum, den Bewohnerinnen und Bewohnern der SWW den Zugang zu Kunst und Kultur zu ermöglichen.

Spätestens seit dem Film „Rhythm is it“, den einige von Ihnen kennen werden, ist es bekannt, welch tiefgreifende Bedeutung Kunst für Menschen haben kann, auch wenn sie bisher keinen Bezug dazu hatten. (Eine beeindruckende Dokumentation, in der es um die Einstudierung von Strawinskys „Sacre du Printemps“ durch Simon Rattle und den Choreografen Royston Maldoom ging, zusammen mit den Berliner Philharmonikern und mit - ja nicht mit dem Staatsballett, sondern mit Hauptschulkindern und Jugendlichen vorwiegend aus Berliner Problemvierteln.)

Bei der SWW galt es, eine Schwierigkeit zu überwinden. Abgesehen von Transport- und Betreuungsproblemen würden, so die Erfahrung, sich die Bewohner in der vertrauten Umgebung wohler fühlen. Also der Umkehrschluss: Kuturschaffende und Künstler müssten ins Haus kommen, dazu sollten aber auch kulturinteressierte Nachbarn und Gäste eingeladen werden. Besucher, die vielleicht zu einem vertrauten Stammpublikum werden könnten. - Die Idee war so simpel wie einleuchtend.

„So weit zu denken, sind wir alle fähig“, schreibt der große Geigenpädagoge Shinichi Suzuki in seinem Buch „Erziehung ist Liebe“, in dem er sich übrigens auch mit dem Unterrichten eines blinden Jungen auseinandersetzt. „So weit zu denken, sind wir alle fähig, aber gewöhnlich endet es damit. Es gibt nur wenige, die ihre Gedanken in die Tat umsetzen.“

Herr Lohner setzte sie in die Tat um. Jeder, der Neues initiiert hat, weiß, was für Berge sich dabei auftürmen können, die beiseite geräumt werden, wie viel Fragezeichen im Raum stehen, die beantwortet werden müssen.

Wer interessiert sich überhaupt für Kultur? Wer hat Sinn dafür, welche Bedeutung die Begegnung mit Kunst gerade für Blinde haben kann? Dass sie „ein Lichtschimmer sein kann für jemanden, der im Dunkel lebt.“ (Suzuki) Und wer ist bereit, die Sache finanziell zu unterstützen? Wer verhilft uns zu dem dringend benötigten Flügel? (Denn wie soll man sonst Künstler ins Haus bekommen?)

In dieser Phase ist eine ungeheure Zuversicht und Energie vonnöten, die so groß sein muss, dass sie für die Überzeugung des Gegenübers mit ausreicht. - Sie hat ausgereicht: Frau Stoiber war bereit, als Befürworterin und Förderin aufzutreten, Frau Glück, die heute anwesend ist, ebenso. Die BMW Niederlassung München förderte großzügig und der Geschäftsführer des Steinway-Hauses, Herr Reyes, machte ein besonders günstiges Angebot zum Abstottern eines Flügels.

Zu diesem Zeitpunkt stieß auch ich dazu. Mein erster eher zufälliger Besuch in der SWW hatte mich tief berührt. Es waren nicht nur der zupackende Optimismus ihres Geschäftsführers, der beeindruckte, und das Gefühl des Willkommenseins, sondern vor allem auch die freundlich heitere Atmosphäre im Haus und in den Werkstätten, der liebevolle Umgang der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ihren Schützlingen und die positive Ausstrahlung der Bewohnerinnen und Bewohner selbst, obwohl sie doch mit den schwersten Beeinträchtigungen zu kämpfen haben.

Ich war damals noch Leiterin der Kulturabteilung an der Münchner Volkshochschule und veranstaltete u. a. im Gasteig verschiedene Konzert- und Vortragsreihen, hatte Kontakt zu nahezu allen Münchner Kultureinrichtungen und kannte persönlich viele Künstler und Kulturschaffende.

Herr Lohner bat mich bei diesem Besuch, ob ich ihm behilflich sein könne, Künstler für sein neues Kulturprojekt zu gewinnen, und ich wollte ihn gern unterstützen. Verschiedene Musiker waren sofort bereit, auch mit geringerer Gage als üblich hier aufzutreten. Mit der schottischen Pianistin Elizabeth Hopkins ergab sich hier eine regelmäßige, mittlerweile freundschaftliche Zusammenarbeit anlässlich ihrer Solo- und Duoabende.

Herauszuheben sind die vier Konzerte, bei denen sie zusammen mit dem Geiger und Menuhin-Schüler Boris Kucharsky sämtliche Beethoven-Sonaten für Klavier und Violine zur Aufführung brachte, was zu einer CD-Aufnahme führte, die schließlich in diesem Rahmen erstmals präsentiert wurde.

Auch die Fachgebietsleiter meiner Kulturabteilung, mit denen ich zu einem Brainstorming in das Haus kam, überlegten, wie jeder aus seinem Bereich das Projekt unterstützen könnte. So entstand unter Vermittlung des künstlerischen Fachgebietsleiters, Herrn Ebert, der Klangbrunnen im Außenbereich, den der französische Künstler François Baschet eigens dafür entwarf und die für den Bereich Theater zuständige Fachgebietsleiterin Frau Herrmann-Brandt ermöglichte es, der SWW-Theatergruppe regelmäßig bei der Werkschau ihrer Theatergruppen unter dem Titel „SpielLust“ im Gasteig aufzutreten. Einige Szenen aus der morgigen Aufführung dort werden wir gleich noch erleben.

Wie aus dem Festprogramm ersichtlich, sind es mittlerweile viele bekannte Künstler und Ensembles aus den unterschiedlichen kulturellen Bereichen, die hier auftreten und die gern wiederkommen.

Als vor fünf Jahren Herr Lohner an diesem Ort seine „Werkstatt Kultur“ und den Kulturfonds vorstellte und dabei auch den neu erworbenen bzw. damals noch zu erwerbenden Steinway-Flügel präsentierte, kam ich beim anschließenden Empfang mit zwei jungen Musikern ins Gespräch, die mir berichteten, dass bei einem Konzert, das sie hier bereits gegeben hatten, eine taubstumme Blinde das Klavier berührt habe, um über die Schwingungen die Musik zu begreifen. Das habe sie zutiefst beeindruckt, und überhaupt hätten sie bei den blinden Zuhörern eine starke Intensität des Hörens gespürt. Deshalb hätte ihnen das Konzertieren hier besonders viel Freude gemacht.

Ähnlich erging es dem Komponisten und Pianisten Mozart: Denken Sie sich das Jahr 1778. Es ist Winter. Der 22jährige Mozart befindet sich in Paris. Er sucht nach Möglichkeiten des Konzertierens und nach einer festen Anstellung und wird zum Vorspielen zum Herzog von Chabot gebeten. Der lässt ihn jedoch ungebührlich lange warten. Mozart ist, wie er später seinem Vater schreibt, „kalt an Händen und Füßen“, er bekommt Kopfschmerzen. Wir können diesen Zustand – trotz Sommers bei dem heutigen Wetter – nachempfinden. Nicht die beste Situation, um sein Können zu präsentieren.

Aber dann, ich zitiere weiter, „kam der Herzog, setzte sich zu mir, und hörte mir mit aller Aufmerksamkeit zu, und ich - ich vergaß darüber alle Kälte, Kopfwehe und spielte ungeachtet der (elenden) Leiden Klavier so, wie ich spiel, wenn ich gut in Laune bin. Geben Sie mir das beste Clavier von Europa, und aber Leut zu Zuhörer, die nichts verstehen, oder die nichts verstehen wollen, und die mit mir nicht empfinden, was ich spiele, so werde ich alle Freude verlieren...“

Was will ich damit deutlich machen? Mozart, der sicher anspruchsvoll im Hinblick auf seine Instrumente war, wäre bereit gewesen, auf das beste Klavier von Europa zu verzichten, nicht jedoch auf die Aufmerksamkeit und das wirkliche Mitempfinden seiner Hörer. Ich denke, es ist gerade dieses intensive Empfinden der blinden und sehbehinderten Hörer, das die Künstler hier spüren, das sie beflügelt, für das sie – lieber als für „Geld und Ruhm“ – ihr Bestes geben, für das sie gern wiederkommen. Dies ist der wichtige Part, den die Bewohnerinnen und Bewohner der SWW zu dem Gelingen der Veranstaltungen beitragen.

Man möchte fast sagen, dies ist ein Schatz in unserer heutigen Zeit, in der eine künstlerische Leistung nur allzu oft oberflächlich wahrgenommen oder aus Verkaufs- und Mediensicht beurteilt wird.

Dass – nach dem Erreichten, der Idee und ihrer Realisierung – im anfangs erwähnten dritten Schritt alles getan wird, um die Kontinuität zu wahren, ist offensichtlich. Wir sehen es an dem heutigen Fest.

So wünsche ich diesem erfolgreichen Projekt „Werkstatt Kultur“, an dem Sie alle, meine Damen und Herren, Ihren Anteil haben, eine gute Zukunft. (Wir wollen ja auch zum 10. Jahrestag wieder eingeladen werden!) Meine Gratulation gilt den Bewohnerinnen und Bewohnern, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, den Sponsoren und Förderern und Ihnen, lieber Herr Lohner, als dem treibenden Rad und der Seele des Ganzen.

Und, um auf meine anfängliche - wohl eher rhetorische - Frage zurückzukommen: 5 Jahre „Werkstatt Kultur“ sind allemal eine große Gala wert!!



Diese Rede hatte Frau Dr. Trübsbach für die Gala vorbereitet, wegen Erkrankung konnte sie sie jedoch nicht vortragen. Wir danken ihr für ihr Einverständnis, ihre Gedanken auf diesem Wege doch noch der Öffentlichkeit zu präsentieren.

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